Ein 29-jähriger Mann ist tot. Ein Treffen, das über soziale Medien zustande kam, endete in Langenzersdorf mit tödlicher Gewalt. Ein 18-Jähriger hat die Tat laut Polizei gestanden.
Unsere Gedanken sind bei der Familie, den Freund und allen Menschen, die dem Getöteten nahestanden.
Und sie sind bei jenen queeren Menschen, bei denen dieser Fall Angst, Unsicherheit und Erinnerungen an eigene Erfahrungen mit Hass und Gewalt auslöst.
Queerfeindliche Gewalt muss ernst genommen werden
Der Fall führt uns erneut vor Augen, welche Angst queerfeindliche Gewalt in unserer Community auslösen kann.
Für viele queere Menschen gehören Anfeindungen, abwertende Kommentare oder die Sorge vor Übergriffen noch immer zur Realität. Besonders verstörend ist es, wenn selbst ein vermeintliches Date mit der Frage verbunden sein kann, ob hinter einem Profil tatsächlich ehrliches Interesse steckt oder möglicherweise eine Falle.
Wir beabsichtigen den laufenden Ermittlungen nicht vorzugreifen. Gerade deshalb ist es wichtig, genau hinzusehen und zwischen bestätigten Tatsachen, möglichen Hintergründen und offenen Fragen zu unterscheiden.
Ein mögliches Motiv darf nicht aus dem Blick geraten
In den vergangenen Tagen wurde über einen möglichen homofeindlichen Hintergrund der Tat berichtet. Der Tatverdächtige soll laut Medienberichten Hass gegenüber homosexuellen Menschen geäußert haben und wird mit der sogenannten „Pedo-Hunter“-Szene in Verbindung gebracht. Ob die sexuelle Orientierung des Opfers tatsächlich Motiv für die Tat war, ist weiterhin Gegenstand der Ermittlungen.
Nun wird darüber berichtet, dass auch Drogen eine Rolle gespielt haben könnten und geprüft wird, ob der Tatverdächtige zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war.
Diese Fragen müssen selbstverständlich geklärt werden.
Doch ein möglicher Drogenkonsum darf nicht dazu führen, dass ein möglicher Hasshintergrund plötzlich aus der Debatte verschwindet.
Drogen erzeugen nicht aus dem Nichts das gesellschaftliche Narrativ, homosexuelle oder queere Menschen seien eine Gefahr für Kinder. Sie erfinden keine Feindbilder. Und sie erklären nicht, warum solche Feindbilder seit Jahren verbreitet werden.
Sollten die Ermittlungen einen homofeindlichen Hintergrund bestätigen, dann müssen wir auch darüber sprechen, woher dieser Hass kommt.
Das alte Märchen von Homosexualität und Pädophilie ist gefährlich
Seit Jahrzehnten wird versucht, homosexuelle Männer und queere Menschen mit Pädophilie in Verbindung zu bringen.
Diese Behauptung ist schlicht falsch. Und sie ist nicht harmlos.
Wer queere Menschen pauschal als „Pädophile“, „Groomer“ oder Gefahr für Kinder bezeichnet, schafft ein Feindbild. Aus solchen Erzählungen entstehen Ausgrenzung und Bedrohung und sie können Menschen als vermeintlich legitime Ziele von Gewalt erscheinen lassen.
Gerade die sogenannte „Pedo-Hunter“-Szene zeigt, wie gefährlich diese Entwicklung werden kann: Selbsternannte Rächer glauben, außerhalb rechtsstaatlicher Strukturen Menschen verfolgen, bloßstellen oder angreifen zu dürfen.
Das hat mit Kinderschutz nichts zu tun.
Kinderschutz bedeutet Prävention, professionelle Aufklärung, funktionierende Schutzkonzepte, Unterstützung von Betroffenen und konsequentes Vorgehen gegen tatsächliche Täter.
Hass bleibt Hass
Wir werden den laufenden Ermittlungen nicht vorgreifen.
Ob und in welchem Ausmaß Drogen eine Rolle spielten, wie es um die Zurechnungsfähigkeit des Beschuldigten bestellt war und welches konkrete Motiv hinter der Tat stand, müssen Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte klären.
Aber genauso klar ist für uns: Wenn Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen sexuellen Orientierung verfolgt, bedroht oder angegriffen werden, müssen wir hinschauen.
Nicht erst dann, wenn jemand stirbt.
Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass queere Menschen überlegen müssen, ob ein Date tatsächlich ein Date ist. Ob hinter einem Profil vielleicht eine Falle steckt. Ob Sichtbarkeit sie zur Zielscheibe macht.
Liebe darf keine Mutprobe sein.
Wir lassen uns nicht in die Unsichtbarkeit drängen
Solche Fälle machen Angst. Das wissen wir.
Aber die Antwort darauf kann nicht sein, dass queere Menschen wieder lernen sollen, sich zu verstecken.
„Unsere Antwort muss eine Gesellschaft sein, in der Hass konsequent benannt wird, in der Betroffene ernst genommen werden und in der Politik, Behörden, Medien und Zivilgesellschaft gemeinsam gegen Radikalisierung und queerfeindliche Desinformation vorgehen.“ sagt Johannes Schwarcz-Enzinger.
Gleichzeitig ruft er die Landes- und Bundespolitik dazu auf, die angekündigten Maßnahmen zur Gewaltprävention endlich gemeinsam mit den dafür zuständigen und erfahrenen NGOs zu diskutieren und weiterzuentwickeln.
Es brauche verbindliche rechtliche Rahmenbedingungen und konkrete Instrumente, die nicht erst dann greifen, wenn bereits etwas passiert ist, sondern wirksame Präventionsarbeit ermöglichen.
Denn „wir dürfen nicht immer erst reagieren, wenn Menschen bedroht, verletzt oder im schlimmsten Fall getötet wurden. Prävention bedeutet, Warnsignale ernst zu nehmen, Expertise aus der Zivilgesellschaft einzubeziehen und die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, bevor aus Hass Gewalt wird“, so Schwarcz-Enzinger.
Als HOSI Burgenland werden wir weiterhin sichtbar bleiben
Wir werden weiterhin widersprechen, wenn queere Menschen zu Feindbildern gemacht werden.
Und wir werden weiterhin für eine Gesellschaft eintreten, in der niemand Angst haben muss, weil er schwul, lesbisch, bisexuell, trans, intergeschlechtlich oder queer ist.
Wer nach diesem Fall Gesprächsbedarf hat, sich unsicher fühlt oder einfach jemanden zum Reden braucht, kann sich gerne an uns wenden.
Ihr müsst mit solchen Gedanken und Ängsten nicht alleine bleiben.